Von Pieschener Zeitzeugen lernen

Sächsische Zeitung vom 12. September 2012

Von Kathrin Kupka-Hahn

Judenverfolgung und Zwangsarbeit sind Themen einer Ausstellung im Seniorentreff Impuls.

Im Pieschener Seniorentreff Impuls in der Bürgerstraße 6 ist jetzt die Wanderausstellung „Dresden-Pieschen in der Zeit des Nationalsozialismus“ zu sehen. Zehn Tafeln informieren über den Aufstieg und die Machtergreifung der Nationalsozialisten, über die Verfolgung Pieschener Juden und ihre Schicksale. Die Wanderausstellung, die bereits im Rathaus Pieschen zu sehen war, haben Nicole Völtz und Michael Nattke vom Kulturbüro der Stadt Dresden recherchiert und zusammengestellt. „Es war uns wichtig, das Geschehen aufzugreifen, zu dokumentieren und erlebbar zu machen“, so Völtz.

Jetzt soll die Ausstellung, die bis 2. November im Seniorentreff gastiert, weiterentwickelt werden – von den Senioren. Die Älteren von ihnen haben damals schon gelebt, die Jüngeren wiederum erinnern sich an die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern. „Es ist wichtig, ihre Geschichten zu hören. Jetzt können sie sie erzählen“, sagt Cäcilia Dietze, Mitarbeiterin des DRK-Seniorenzentrums. Beim Nachbarschaftsfrühstück beispielsweise habe eine ältere Frau von ihrer Mutter berichtet, deren Freundin damals eine Beziehung mit einem der Zwangsarbeiter unterhielt. „Aus diesen Geschichten können wir vieles erfahren“, so Dietze weiter. Vielleicht entwickelt sich auch eine Geschichts-AG mit den Senioren bei Impuls. Die Erzählungen und Berichte könnten per Video aufgezeichnet und für jüngere Generationen erhalten werden.

Ergänzt wird die Wanderausstellung um zwei Veranstaltungen. Am 19. September liest die Dresdner Schauspielerin Annedore Bauer ab 18 Uhr aus den Tagebüchern von Victor Klemperer. Am 24. Oktober wird ab 18 Uhr der Verein Hatikva über das jüdische Leben in Dresden seit dem 18. Jahrhundert berichten.

Organisatorin Nicole Völtz eröffnete die Ausstellung im Seniorenzentrum Impuls. Foto: Katja Frohberg
Organisatorin Nicole Völtz eröffnete die Ausstellung im Seniorenzentrum Impuls. Foto: Katja Frohberg

Öffnungszeiten vom Seniorentreff Impuls: Montag, Mittwoch, Freitag 9 bis 15 Uhr,

Dienstag und Donnerstag 9 bis 12Uhr

Ausstellung im DRK-Seniorenzentrum IMPULS

Vom 06. September bis zum 02. November 2012 wird die Wanderausstellung „Dresden-Pieschen in der Zeit des Nationalsozialismus“ im DRK-Seniorenzentrum „Impuls“ auf der Bürgerstraße 6 in Dresden gezeigt.

Die Ausstellung steht der Öffentlichkeit zu den Öffnungszeiten des DRK-Seniorenzentrum „Impuls“ für Besichtigungen zur Verfügung. Die Öffnungszeiten erfahren Sie auf der Website des DRK.

Schulklassen können sich für kostenlose Führungen unter 0351/847 226 78 anmelden.

Ergänzt wird die Ausstellung durch ein dreiteiliges Veranstaltungsprogramm.

06. September 2012

Am 06. September um 18.00 Uhr wird die Ausstellung durch die Historikerin Dr. Nicole Völtz eröffnet. Anschließend wird es eine öffentliche Führung geben. Der Eintritt ist frei.

19. September 2012

Am 19. September ab 18.00 Uhr wird die Dresdner Schauspielerin Annedore Bauer aus den Tagebüchern von Viktor Klemperer lesen. Viktor Klemperer, der die Zeit der Verfolgung während des Nationalsozialismus in Dresden überlebte, dokumentierte in Tagebuchaufzeichnungen eindrücklich die fortschreitende Entrechtung der Juden durch das Hitler-Regime und den Alltag eines Mannes, der zunehmend um sein Leben fürchten musste. Der Eintritt beträgt 2 Euro.

24. Oktober 2012

Am 24. Oktober ab 18.00 Uhr wird der Verein Hatikva e.V. in einem Vortrag über das jüdische Leben in Dresden und Sachsen seit dem 18. Jahrhundert bis heute berichten. Der Eintritt beträgt 2 Euro.

Aktuelles

Am 10. November 2011 wird die Ausstellung „Dresden-Pieschen 1933-1945″ um 19.00 Uhr im Bürgersaal des Rathauses Pieschen (Bürgerstraße 63) eröffnet.

Die Ausstellung wird vom 10.11.2011 bis 31.01.2012 im Rathaus Pieschen gezeigt. Sie kann zu den regulären Öffnungszeiten des Rathauses (Mo 09:00 bis 12:00 Uhr/Di 09:00 bis 18:00 Uhr/Do 09:00 bis 18:00 Uhr/Fr 09:00 bis 12:00 Uhr) besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.

Für Schulklassen besteht die Möglichkeit einer kostenlosen Führung durch die Ausstellung nach vorheriger Anmeldung (siehe Kontakt). Lehrer_innen und Schüler_innen können sich für weitere Informationen zur Ausstellung gern melden.

Ab Februar 2012 stehen die Ausstellungstafeln als Wanderausstellung zur Verfügung und können kostenfrei gebucht werden.

Ausstellungsinhalte

Mehr als 65 Jahre sind mittlerweile seit der Befreiuung vom Nationalsozialismus in Europa vergangen. Es leben nur noch wenige Menschen, die die Zeit bewusst miterlebt und heute noch darüber berichten können. Die den Deutschen einst diagnostizierte „Unfähigkeit zu trauern“ ist einem moralischen Erinnerungsgebot gewichen. Über das Verständnis von historischer Verantwortung sowie Trauer und Erinnerung laufen in Deutschland heftige Debatten. Durch die Ausstellung „Dresden-Pieschen 1933-1945″ werden historische Fakten in die Alltagsgeschichte eines Stadtteils eingebettet. Dabei soll Vergangenheit nicht bewältigt, sondern es sollen die Augen für die Vergangenheit geöffnet werden, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen.

Die Ausstellung „Dresden-Pieschen 1933-1945″ gliedert sich in vier Bereiche.

In einer Einleitung wird dem Aufstieg der NSDAP in Dresden nachgegangen. Die gesellschaftliche Gleichschaltung nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wird beleuchtet.

Judenverfolgung

Ein ausgeprägter Antisemitismus und die so genannte Rasselehre bildeten für die Nationalsozialisten die Grundlage, um neben politischen Gegner_innen auch Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und psychisch Kranke zu verfolgen. Sie galten als rassisch minderwertig und waren daher zu vernichten. Allein sechs Millionen Jüdinnen und Juden kamen im Holocaust um. Anhand einzelner jüdischer Familien aus Pieschen wird die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung erzählt. Der Holocaust geschah nicht nur in Berlin-Wannsee, in Auschwitz oder Treblinka, sondern auch in der Dresdner Bürgerstraße, der Konkordienstraße, der Großenhainer Straße und an vielen anderen Orten direkt vor der eigenen Haustür.

NS-Täter

Unter den Dresdner-Parteifunktionären spielten der sächsische Gauleiter, Ministerpräsident und Reichsstatthalter Martin Mutschmann sowie der Leiter des Judenreferats der Gestapo Henry Schmidt eine herausragende Rolle. In Pieschen war Johannes Clemens bekannt und gefürchtet. Victor Klemperer beschrieb ihn in seinen Tagebüchern als Teil des Trios „der Spucker, der Schläger und der Brüller“. Unter den Nationalsozialisten machte auch er rasch Karriere und stieg im Sicherheitsdienst und in der SS auf.

Zwangsarbeit

Im nationalsozialistischen Deutschland war die Zwangsarbeit ein Massenphänomen. Ab 1933 wurden Menschen zur Arbeit gezwungen. Zwischen 1939 und 1945 kletterte die Zahl der Zwangsarbeiter_innen im Deutschen Reich auf etwa 20 Millionen. In der Ausstellung wird die Zwangsarbeit in Dresden allgemein und in Pieschen im Besonderen dargestellt. Herausragendes Beispiel hierfür sind die Goehle-Werke der Firma Zeiss-Ikon in Pieschen, in denen zahlreiche Menschen Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten mussten.

Widerstand

Während sich der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung mit dem nationalsozialistischen Regime arrangierte oder es gar unterstützte, gab es auch einzelne Menschen, die Widerstand leisteten. In Dresden-Pieschen lehnten sich neben antifaschistischen Widerstandskämpfer_innen vor allem Personen aus kirchlichen Kreisen gegen das NS-Regime auf. Anhand von Orginaldokumenten und Leihgaben der Familie wird die Geschichte des Pieschener Antifaschisten Robert Matzke erzählt.

Die vorliegende Ausstellung ist nur ein Anfang zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Stadtteils und der Landeshauptstadt Dresden. Mehr als 65 Jahre nach Beendigung des nationalsozialistischen Terrors ist vieles noch nicht aufgearbeitet, bleiben noch zahlreiche offene Fragen. Die Ausstellung möchte auch dazu einladen an diesen Fragen weiterzuarbeiten.

Die Ausstellung wird von einem Veranstaltungsprogramm begleitet. Geplant sind Vorträge über den Nationalsozialismus in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur, das Projekt „Dresdner NS-Täter“ sowie die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Dresdens 1933-1945 und eine Filmvorführung.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Flyer zur Ausstellung.

Termine

Am 10. November 2011 wird die Ausstellung „Dresden-Pieschen 1933-1945″ im Rathaus Pieschen (Bürgerstraße 63) eröffnet und ist dort bis 31. Januar 2012 zu den Öffnungszeiten des Rathauses Pieschen zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Das Programm:

10.11.2011 ::: 19.00 Uhr ::: Bürgersaal

Eröffnung der Ausstellung und Vortrag von Dr. Bert Pampel (Stiftung Sächsische Gedenkstätten)
„Der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik“

24.11.2011 ::: 19.00 Uhr ::: Bürgersaal

Vortrag von Dr. Christine Pieper (Projekt-Koordinatorin „Dresdner NS-Täter“) und Dr. Mike Schmeitzner (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden)
Das Projekt „Dresdner NS-Täter“

08.12.2011 ::: 19.00 Uhr ::: Bürgersaal

Vortrag von Heike Kadner (Hatikva e.V.)
Die Verfolgung der Dresdner Jüdinnen und Juden (in Verbindung mit einer Filmvorführung zum „Judenlager Hellerberg“)

31.01.2012 ::: 16.00 Uhr ::: Bürgersaal

Finissage mit musikalischer Begleitung




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